Memory

Memory

Vom Leben in zwei Welten, auf zwei Kontinenten, erzählt “Memory”. Der Text ist in der Anthologie “FlussAuf FlussAb” der Literatur-Offensive Rhein-Neckar erschienen. Das Buch vereint Texte über Orte des Rhein-Neckar-Dreiecks von 34 Autor:innen aus der Region.

Leseprobe

Wenn ich wieder dort bin, werde ich den Mont Royal besteigen, den Berg des Königs, der der Stadt ihren Namen gab, damals ein Fels inmitten der sump­figen Auen des Sankt Lorenz, heute grüne, im Herbst leuchtend rote Insel inmitten der Groß­stadt; rechts und links von mir Straßengitter, so weit das Auge reicht, vor mir die Wolken­kratzer der Innenstadt, dahinter der Fluss, der sich unverändert mächtig, gewaltig, von einem Ende des Horizonts zum anderen dehnt. Wenn ich wieder da bin, werde ich die 330 Stufen zum Schloss hinauf steigen, an einem milden Abend, wenn es schon ruhig geworden ist dort oben, und mich auf die Mauer der Schloss­terrasse setzen, von wo aus man auf die Altstadt und in die Rheinebene blickt, auf die Flut der Lichter, die sich aus dem engen Tal kommend in die Ebene ergießt, ein schier endloses Funkeln und Flimmern, und nur an seinem dunkel zitternden Glanz erahnt man den Verlauf des Neckars.
Ich werde im März durch Schnee stapfen, im April durch Matsch, und ich werde auf die braune, kalte Erde starren und mich fragen, wann sie endlich grünt; bis eines Tages das Eis auf dem Sankt Lorenz spurlos ver­schwun­den ist, bis ein Blüten­wind die Stadt durchweht; und plötzlich blühen Apfelbaum und Flieder, Osterglocken und Pfingstrosen, alles gleich­zeitig, eine Explosion von Farbe und Duft. Ich werde mich Ende Februar an den ersten vorwitzigen Schnee­glöckchen und Krokussen freuen, im März an Tulpen und Oster­glocken und an den weißen Wuschel­köpfen der Felsenbirnen und Pflaumenbäume, an Ranunkeln und Kirschbäumen im April und Flieder im Mai; zu Ostern gibt es Kaffee auf der Terrasse, am Maifeiertag das erste Grillfest und Ende Mai die ersten Erd­beeren, rote Boten des Sommers.
Ich werde mit dem Fahrrad die Estacade überqueren, jene Brücke, die im Winter das Eis auf dem Sankt Lorenz in Stücke bricht, bevor es die Pfeiler der großen Verkehrsbrücken erreicht, und die im Sommer den Radfahrern vor­behalten ist; 20 Minuten lang fährt man über den Fluss, nur Wasser rechts und links und unter sich, bis man schließlich den Damm erreicht, der den Kanal vom Fluss abtrennt und auf dem man zurück in die Stadt gelangt. Ich werde mit dem Fahrrad den Wehrsteg überqueren und die Far­be des Neckars bewundern, die zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wet­ter anders ist − hell glänzend an einem klaren Herbstmorgen, braun schäumend nach den ersten winterlichen Hoch­wassern, uner­gründlich dunkel an einem stür­mischen Frühlingstag, mattblau im Hochsommer; und wenn es sehr heiß ist, springen mutige Jungs verbotenerweise vom Wehrturm zum Baden direkt in den Kanal.
Ich werde in einen Nationalpark fahren, den Parc de la Mauricie vielleicht mit seinen endlosen dichten Wäldern, oder den Parc des Haut Gorges de la Rivière Malbaie, wo sich schroffe Berggipfel in kristallklaren Seen spiegeln, und ich werde einen der wenigen kürzeren Spazierwege gehen, zwei Stunden oder drei, und wissen, dies ist der einzige Weg weit und breit, keine Abzweigungen, keine Umwege, nur dieser eine Weg, und rechts und links nichts als Wildnis und Wald. Ich werde in den Hügeln des Kraichgau spazieren gehen, durch Weinberge und Streu­obst­wiesen; ich werde immer neue Pfade wählen, die sich hier alle paar Meter auftun, und ich werde mich an der vom Menschen geprägten Landschaft freuen, an dem Blick in die Ebene, wo sich in munterer Folge Felder, Wald­stücke und Orte abwechseln und wo in der Ferne, inmitten des Musters aus Kirchtürmen, Wind­rädern und Hochspannungs­masten, die Silhouette des Speyrer Doms zu erkennen ist.
Ich werde im Wald stehen und lauschen und nichts hören außer dem Rauschen der Baumwipfel im Wind und ab und zu einem Knacken, wenn ein Ast bricht − keine Vögel, keine Tiere, denn sie halten sich fern vom Men­schen, sie haben genügend Raum nur für sich; man sieht sie selten, und man hört sie nicht. Ich werde im Wald stehen und umgeben sein vom Gesang der Vögel, der monatelang, vom März bis in den Juni hinein, nicht verstummt; kaum einen der Musi­kanten kenne ich beim Namen und keinen bekomme ich zu Gesicht, aber es ist ein Tirilieren und Jubilieren, dass ich hüpfen und mitsingen möchte.